Kommentar:
Warum selektive Empörung der Demokratie mehr schadet als jeder Partei

Eine persönliche Einordnung zum Zustand des politischen Diskurses und zu doppelten Maßstäben im Umgang mit Gewalt und Antisemitismus.

Hinweis:

Dieser Beitrag ist ein persönlicher Kommentar. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und ist keine parteipolitische Stellungnahme. Er versteht sich als Einordnung aus demokratietheoretischer und konfliktdynamischer Perspektive.

 

In den letzten Monaten habe ich wiederholt Situationen gesehen, die mich nicht wegen einzelner politischer Positionen irritiert haben, sondern wegen der Art, wie wir in Deutschland mit Grenzüberschreitungen umgehen. Genauer gesagt mit der Frage, wer sie begeht und wie sie anschließend bewertet werden.

Wir haben uns daran gewöhnt, politische Gefahren einseitig zu verorten. Rechts gilt reflexhaft als Bedrohung, links als grundsätzlich gut gemeint. Diese Einordnung ist bequem, weil sie das eigene Weltbild bestätigt. Sie ist aber analytisch falsch. Und sie wird zunehmend zum Problem für die demokratische Kultur.

Rechte Gewalt wird zu Recht klar benannt, verfolgt und sanktioniert. Daran gibt es nichts zu relativieren. Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass vergleichbare Grenzüberschreitungen aus dem linken Spektrum häufig anders behandelt werden. Sie werden sprachlich abgeschwächt, in Kontexte eingebettet oder mit einer moralischen Begründung versehen. Der Zweck scheint dann wichtiger zu sein als das Mittel.

Das Ergebnis ist eine Schieflage. Gewalt bleibt Gewalt, auch wenn sie politisch motiviert ist. Einschüchterung bleibt Einschüchterung, auch wenn sie sich gegen Personen oder Parteien richtet, die man selbst ablehnt. Demokratie lebt vom Streit, nicht von der Verhinderung des Streits.

Ich habe selbst gesehen, wie politisch organisierte Gruppen gezielt anreisen, um Stände oder Veranstaltungen zu attackieren. Keine spontane Empörung, keine hitzige Debatte, sondern kalkulierte Einschüchterung. Wer das duldet oder relativiert, schützt keine demokratischen Werte. Er höhlt sie aus.

Besonders deutlich zeigt sich diese Doppelmoral beim Thema Antisemitismus. Lange Zeit wurde er fast ausschließlich als Problem der extremen Rechten betrachtet. Das ist historisch nachvollziehbar, greift heute aber zu kurz. Antisemitische Parolen, Bedrohungen und Übergriffe treten inzwischen auch in Milieus auf, die sich selbst als progressiv, emanzipatorisch oder menschenrechtsorientiert verstehen. Häufig werden sie als legitime Israelkritik gerahmt oder als emotionale Überreaktion entschuldigt.

Damit wird ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen. Antisemitismus verliert nicht seinen Charakter, weil er aus einem bestimmten politischen Umfeld kommt oder mit einem moralischen Anspruch verbunden wird. Wer hier unterschiedliche Maßstäbe anlegt, untergräbt die eigene Glaubwürdigkeit und sendet ein fatales Signal an Betroffene.

Diese selektive Wahrnehmung bleibt nicht folgenlos. Viele Menschen registrieren sehr genau, dass gleiche Handlungen unterschiedlich bewertet werden. Dass bestimmte Formen von Gewalt sofort verurteilt werden, andere hingegen erst erklärt werden müssen. Dieses Ungleichgewicht erzeugt Misstrauen. Nicht nur bei Anhängern einzelner Parteien, sondern bei vielen, die sich politisch eigentlich der Mitte zuordnen.

In diesem Klima gewinnen vor allem stark polarisierende Parteien und Bewegungen an Zustimmung. Nicht zwingend, weil ihre Programme überzeugen. Sondern weil sie sich als Gegenpol zu einer als ungerecht empfundenen Diskurspraxis inszenieren können. Wer diese Dynamik ignoriert, verkennt eine zentrale Ursache der aktuellen politischen Verhärtung.

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Fehlentwicklungen auf einer Seite gegen Fehlentwicklungen auf einer anderen aufzurechnen. Es geht um etwas Grundsätzlicheres. Eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn sie gleiche Maßstäbe anlegt. Recht darf nicht vom politischen Absender abhängen. Moralische Sympathie darf kein Ersatz für rechtsstaatliche Klarheit sein.

Wer Gewalt kritisiert, relativiert nichts anderes. Wer Antisemitismus klar benennt, unabhängig vom Umfeld, verteidigt keine Gegenposition. Diese Differenzierung geht im öffentlichen Diskurs zunehmend verloren. Kritik wird schnell als Gesinnungsfrage behandelt. Wer die falschen Dinge anspricht, gerät selbst unter Verdacht.

Das ist kein Zeichen politischer Reife. Es ist ein Zeichen von Diskursverengung.

Demokratie lebt nicht von moralischer Selbstvergewisserung. Sie lebt davon, dass Widerspruch ausgehalten wird, dass Regeln gelten und dass der Staat sie durchsetzt, ohne politische Vorlieben erkennen zu lassen. Wo Gewalt verharmlost wird, verliert der Staat an Autorität. Wo Antisemitismus unterschiedlich bewertet wird, verliert der Diskurs an Glaubwürdigkeit.

Extremismus ist kein Richtungsproblem. Er ist ein Haltungsproblem. Wer glaubt, dass Gewalt legitim wird, sobald sie dem richtigen Zweck dient, stellt sich außerhalb des demokratischen Grundkonsenses. Unabhängig davon, wie er sich selbst politisch einordnet.

Es wäre ein Fortschritt, wieder zu einem einfachen Prinzip zurückzukehren. Gleiche Maßstäbe, klare Sprache, keine moralischen Sonderregeln. Das ist unbequem und widerspricht vielen eingeübten Erzählungen. Aber genau diese Zumutung braucht eine erwachsene Demokratie.

Nicht mehr Empörung, nicht mehr Lagerdenken, nicht mehr Etiketten. Sondern Klarheit, Fairness und die Bereitschaft, auch unbequeme Fragen zuzulassen. Alles andere schützt nicht die Demokratie. Es schwächt sie.

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